Ablauf einer Schleppjagd

 

Die Schleppjagd ist die Jagd zu Pferde hinter einer Hundemeute auf einer künstlich gelegten Spur über natürliche und eigens gebaute Hindernisse. Der Ausdruck ”Schleppjagd” stammt aus der Zeit, als vor dem Beginn der Jagd ein Schwamm oder ein Drahtball mit Wildlosung von einem Reiter, dem ”Schlepper” oder Schleppenleger, durchs Gelände geschleppt wurde, um für die Meutehunde eine künstliche Spur zu legen. Heute nimmt man als Schleppflüssigkeit stark verdünnte Fuchslosung, Heringslake oder ätherische Öle, die aus einem hinter dem Sattel befestigten Kanister tropfen. Für manche Meuten ist die ”Schleppe” auch einfach die Fährte eines bestimmten Pferdes, das in einem gewissen zeitlichen Abstand vor den Hunden über die Strecke galoppiert. Der Schleppenleger wird von einem Reiter begleitet, der die vorher festgelegte Strecke kennt. Eine Strecke, auf der die Schleppe bereits ”liegt”, darf von Zuschauern nicht mehr gekreuzt werden, weil die Hunde sonst abgelenkt werden und von der Spur abkommen könnten.

Die Equipage, bestehend aus dem Master of Hounds - bei Foxhoundmeuten heißt er Master of Foxhounds - , dem Huntsman, den Pikören und dem Schleppenleger führt und präsentiert die Hunde. Der Equipage mit der Meute folgt der Jagdherr, der eigentliche Gastgeber, der meistens auch das erste Feld anführt. Je nach Teilnehmern und Jagdstrecke wird in mehreren Feldern geritten, darunter auch in einem Nichtspringerfeld. Die Position, die jeder Reiter im Jagdfeld eingenommen hat, behält er bis zum Ende der Jagd bei, der Vordermann wird nicht überholt.

Hindernisse sind flüssig aus dem gleichmäßigen Tempo zu springen und gerade anzureiten, damit die Folgenden sich ihren Sprung einteilen können. Die Jagdstrecke kann zehn bis zwanzig Kilometer lang sein und ist eingeteilt in mehrere Schleppen, immer wieder durch Schrittstrecken unterbrochen; meistens gibt es nach der Hälfte der Strecke einen Stop, eine Ruhepause, in der die Reiter absitzen und Pferde und Hunde ausruhen lassen. Die letzte Schleppe endet mit dem Halali, bei dem je nach Tradition der Meute die Reiter den rechten Handschuh ausziehen und ”Halali!” rufen. Anschließend erhalten die Reiter einen Bruch, einen Zweig von Eiche oder Fichte, und die Hunde bekommen als Dank für ihre Arbeit Rinderpansen zum Curée, dem die Reiter abgesessen - niemals im Sattel - und mit gezogener Kappe zuschauen. Aus der Zeit, als das Wild nach der Jagd zum Curée aufgebrochen wurde, stammt der Brauch, hierbei den rechten Handschuh auszuziehen.

 

 

Die Ordnungen und Traditionen haben alle ihren Sinn, selbst die vielbelächelten Sitten wie das Ausziehen des rechten Handschuhs und der Kappe beim Curée, das schweigende Zusehen, wie die Hunde ihren Pansen zerreißen. Das ist keine routinemäßige Fütterung, sondern symbolisiert den Anteil der Hunde am ehemals erlegten Wild. Diesem Ritual liegt ein Urwissen der Menschheit aus vorhistorischer Zeit zugrunde: Schon in der Altsteinzeit feierten die Eiszeitjäger ein Ritual und nahmen die Lebenskraft des sterbenden Wildes symbolisch in sich auf zur Erneuerung der eigenen Kraft. Die Aborigines machen es heute noch ähnlich, wenn sie sich bei jedem Tier bedanken, das ihren Weg kreuzt, bevor sie es als Nahrung töten.

 

Wenn bei der heutigen Schleppjagd auch kein Wild mehr gejagt wird, ist der Vorgang doch derselbe, wenn die Reiter feierlich den symbolischen Tod des Wildes würdigen. Das Wild ”waidgerecht” zu jagen, also genau mit dieser Achtung vor der Kreatur, war auch der Auftrag des Heiligen Hubertus nach seiner legendären Wandlung, die zum Hubertustag mit Hubertusjagden und Messen gefeiert wird.
Das uralte, ”heidnische” Gedankengut hat in der christlichen Vorstellung noch denselben Sinn: Das Tier als Geschöpf zu ehren. Alle Jagdreiter verbindet dieser geistige Hintergrund, ob es ihnen selbst bewusst ist oder nicht. Vielleicht kommt es daher, dass man nach der Jagd müde, aber glücklich jeden Knochen im Leibe spürt, aber sich so lebendig fühlt wie niemals sonst. Feierlich betont wird der Ablauf einer Jagd durch die Hörner, besonders durch die ”Trompes de Chasse”, die in Frankreich zur Hirschjagd geblasen wird und wie kein anderes Horn zur Jagd zu Pferde gehört. Man kann ihren Klang nicht beschreiben, man muss ihn hören. Nach dem Curée ist die Jagd zu Ende. Wer beim Heimreiten oder beim Absatteln und Versorgen das Glück hat, für eine Weile mit sich und seinem Pferd allein zu sein, der wird in sich und in der Einheit mit seinem Tier dankbar den Nachklang eines festlichen Tages spüren, den er gegen nichts in der Welt eintauschen möchte.

 

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